
79 Krankenhäuser, von kleinen Häusern der Grund- und Regelversorgung bis zu den Universitätskliniken in Frankfurt und Marburg, waren über die App verbunden.
Die App ermöglichte es Ärztinnen und Ärzten, ein telemedizinisches Konsil mit hochauflösendem Bildmaterial in eine andere Klinik zu schicken, eine Zweitmeinung einzuholen oder eine Verlegung gemeinsam vorzubereiten. Sicher, verschlüsselt, datenschutzkonform.
Entwickelt hat die App das Würzburger Innovationslabor Awesome Technologies, gemeinsam mit dem Klinikum Kassel und dem Universitätsklinikum Frankfurt am Main, in einem Projekt des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Im Mai 2022 wurde TeleCOVID Hessen von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin mit dem dritten Platz des Deutschen Telemedizinpreises 2022 ausgezeichnet.
Hessen, Frühjahr 2020.
Hessen war 2020 strukturell für die Pandemie nicht ungünstig aufgestellt, aber die Vernetzung der Kliniken war es. Das Bundesland hatte ein zentrales Steuerungssystem für die stationäre COVID-19-Versorgung, mit dem das Sozialministerium die Auslastung der Intensivstationen koordinierte. Was fehlte, war eine Werkzeug-Schicht für den medizinischen Alltag zwischen den Häusern: Wie schickt eine kleine Klinik in der Wetterau ein Röntgenbild an einen Intensivmediziner in Frankfurt? Wie wird eine Verlegungs-Entscheidung gemeinsam vorbereitet, ohne dass alles am Telefon hängt?
Hessen ist im bundesweiten Vergleich ein Bundesland, in dem die stationäre Versorgung auf besonders viele Krankenhäuser verteilt ist. Gut für Patientinnen und Patienten, weil sie ortsnah behandelt werden, gut für die Kliniken, weil sich die Last auf viele Schultern verteilt. Genau diese Dezentralität braucht in einer Pandemie eine kommunikative Brücke, die kein einzelnes Klinik-IT-System bauen kann.
Das Ministerium ist auf uns zugekommen. Unsere Plattform, damals seit zwei Jahren im Aufbau, war die Architektur-Basis, auf der wir TeleCOVID innerhalb weniger Monate aufgesetzt haben.
Was wir gebaut haben.
Drei Entscheidungen haben das Projekt geprägt.
Bewusst kein Zugriff auf die Krankenhausinformationssysteme
Wer eine Pandemie-Lösung baut, die in 79 verschiedenen IT-Landschaften gleichzeitig laufen muss, kann nicht für jedes KIS eine eigene Integration bauen. TeleCOVID war eine eigenständige Anwendung, die parallel zur bestehenden Klinik-IT lief: voraussetzungsfrei, schnell ausrollbar, ohne monatelange Schnittstellenarbeit.

Fallbasierte Konsile mit Bildmaterial als Kerneinheit
Eine TeleCOVID-Anfrage ist ein konkreter Patientenfall: Anamnese, Bilder (CT, Röntgen, klinische Fotos), Vitalwerte, die spezifische Frage an die andere Klinik. Plus Videotelefonie für die Rückfrage in Echtzeit. Kein Chat, sondern ein strukturiertes Konsil-Format, das wir in der Telekonsil-Plattform seitdem konsequent weiterentwickeln.
HAPI FHIR als Datenbasis
TeleCOVID lief schon damals auf der HAPI-FHIR-Architektur, die heute das technische Rückgrat der Telekonsil-Plattform ist. Strukturierte Befunddaten in einem standardisierten Format: nach Standard erfasst und damit auch außerhalb der Anwendung weiternutzbar, und Grundlage für die ISiK-Anbindung sowie die EU-weite Datenintegration im European Health Data Space.
„Sie funktioniert einfach und voraussetzungsfrei in jedem Krankenhaus."
Die 79 Kliniken im Kernnetz sind in sechs Versorgungsgebiete strukturiert; zusätzlich sind 13 weitere Krankenhäuser eingebunden. Größere Häuser fungieren als koordinierende Einheiten in ihrem Versorgungsgebiet, kleine Häuser holen eine Zweitmeinung der nächsten Versorgungsstufe ein, ohne selbst eine Intensiv-Spezialeinheit vorhalten zu müssen.
Was passierte.
März 2021: Start
TeleCOVID ging in Hessen live. Krankenhäuser mit eher kleinen Intensivkapazitäten konnten eine Zweitmeinung aus dem Versorgungsgebiet einholen.
„Indem wir die Intensivstationen der Krankenhäuser vernetzen, können wir mehr Patientinnen und Patienten an der richtigen Stelle behandeln."
Mai 2022: Telemedizinpreis
Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin vergab beim 12. Nationalen Fachkongress Telemedizin den Telemedizinpreis 2022. TeleCOVID Hessen wurde mit dem dritten Platz ausgezeichnet; Vertreter:innen aus dem Hessischen Ministerium, dem Klinikum Kassel und dem Universitätsklinikum Frankfurt am Main nahmen den Preis entgegen.
Sommer 2022: Verlängerung
Im August 2022 wurde TeleCOVID Hessen von der Landesregierung bis Sommer 2023 verlängert. Bis dahin waren über 160 telemedizinische Konsile über die App durchgeführt worden. Eine Zahl, die nüchtern klingt, aber jeden einzelnen Fall meint, in dem zwei Klinik-Teams gemeinsam über Behandlung oder Verlegung eines schwer kranken Menschen entschieden haben.
Was aus TeleCOVID in der AMP Solution Suite fortwirkt.
TeleCOVID war ein Pandemie-Sonderprogramm und damit zeitlich begrenzt. Drei Erkenntnisse leben heute in der AMP Solution Suite weiter.
Voraussetzungsfreiheit als Architekturprinzip
Eine Plattform, die in heterogenen IT-Landschaften ausgerollt wird, muss ohne lokale Schnittstellenprojekte funktionieren. Die Telekonsil-Plattform folgt diesem Prinzip heute konsequent: Telekonsile, Tumorboards und Tele-Intensivmedizin laufen als eigenständige Anwendungs-Schicht über der jeweiligen Klinik-IT.
Strukturierte Konsile statt Messaging
Was wir in Hessen gebaut haben, war kein Chat zwischen Ärzt:innen, sondern ein fall-basiertes, strukturiertes Konsil-Format mit Patientenbezug, Bildmaterial und klarer medizinischer Frage. Dieses Format ist das Herz der Telekonsil-Plattform und substantiell anders als ein TI-Messenger.
HAPI FHIR von Anfang an
Die FHIR-Architektur, die wir 2020 gewählt haben, ist heute der Standard, an dem sich der deutsche Gesundheitssektor ausrichtet: ISiK in der Klinik-Interoperabilität, ePA-Strukturen in der Telematikinfrastruktur, EU-weite EHDS-Datenintegration. Wir haben diese Schicht nicht aus regulatorischer Anpassung gebaut, sondern weil sie schon damals die richtige Architektur war.
Die heutige Telekonsil-Substanz unter /loesung/#telekonsilWas wir nicht behaupten.
Welches Use-Case-Muster ist das?
TeleCOVID Hessen instanziiert die Use-Case-Muster „Tele-Intensivnetzwerk" und „Inter-Klinik-Konsil": strukturell anwendbar auf andere bundeslandweite Versorgungsnetze, auf spezialisierte Intensiv-Kooperationen zwischen Universitätsklinika und Häusern der Grund- und Regelversorgung sowie auf Großschadens-Vorbereitungs-Kontexte.
Die parallele Projekt-Detailseite mit Fokus auf Skalierung und Projektmechanik finden Sie unter /innovation/#projekte.
